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Recep Tayyip Erdoğan ArtikelRecep Tayyip Erdoğan (* 26.02 1954) ist seit 11. März 2003 Ministerpräsident der Türkei.== Politische Anfänge ==Herkunft
Recep Tayyip Erdoğan wurde am 26. Februar 1954 in Rize, einer kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer in dem Norden der Türkei, etwa 120 Kilometer von der Grenze zu Georgien, in eine Familie des unteren Mittelstandes geboren. Sein Vater war Seemann und diente bei der Küstenwache der Staatlichen Marine.
Als der Junge Erdoğan dreizehn Jahr alt war, zog die Familie nach Kasimpasa, einem der ärmlichsten Viertel Istanbuls. Erdoğan besuchte religiöse Schulen, in denen er mit dem Koran vertraut wurde, und entwickelte gleichzeitig grosses Interesse für die Politik und die Wirtschaft.
Als Jugendlicher verkaufte er Sesamkringel und Süssigkeiten auf den Strassen und in den Fussballstadien, bevor er selbst für mehrere Amateur- und Profivereine spielte.Religiöse Prägung
1969 trat der jugendliche Erdoğan der Milli Görüs (=Nationale Sicht) Bewegung bei, einer radikalen Vereinigung junger intellektueller Islamisten. „Milli Görüs versteht sich als Weltanschauung, um auf der Grundlage der Souveränität Gottes zur Errichtung einer ‚Gerechten Ordnung’ zu gelangen. Durch die Anbetung des Einen und durch den freiwilligen Gehorsam wird der Mensch Diener Gottes.“ Die Bewegung ist islamistisch-nationalistisch und verantwortungsethisch orientiert.Erbakan als Vorbild
Im folgenden Jahr wurde Erdoğan für den Bezirk Beyoğlu zu dem Präsidenten der Jugendorganisation der rechtsgerichteten islamischen Nationalen Ordnungspartei (MNP, Milli Nizam Partisi) von Necmettin Erbakan gewählt.
Im Mai 1971, kurz nachdem Ultimatum der Streitkräfte an die zivilen Machthaber und der Aushängung des Kriegsrechts, wurde die MNP vom türkischen Verfassungsgericht verboten. Bereits am 11. Oktober 1972 gründete Erbakan die politisch identisch ausgerichtete Nationale Heilspartei (MSP, Milli Selamet Partisi). In den Folgejahren war die Partei unter Führung von Necmettin Erbakan regelmäßig an wechselnden Regierungskoalitionen beteiligt und konnte sich neben der linksgerichteten Republikanischen Volkspartei (CHP, Cumhuriyet Halk Partisi) von Bülent Ecevit und der rechtsgerichteten Gerechtigkeitspartei (AP, Adalet Partisi) von Süleyman Demirel als dritte politische Kraft in der Türkei etablieren.
Erdoğan schloss sich automatisch der MSP an, die unter anderem die Annäherung der Türkei an Europa bremsen wollte und ein Obligatorium islamischer Kleidung für Frauen forderte.
1973 beendete Erdoğan die religiöse Imam-Hatip-Schule. Ursprünglich waren dies private Berufsfachschulen für muslimische Prediger und Vorbeter. Die heftigen Kontroversen über die Reform des Türkischen Hochschulrates machen eine Einordnung dieser Schulen in das aktuelle Bildungssystem der Türkei schwierig.
Um sich den Weg in die Unternehmerwelt zu ebnen, immatrikulierte sich Erdoğan in dem Wirtschafts- und Handelsdepartement der Istanbuler Marmara-Universität, um Politik und Wirtschaft zu studieren.
==Politische Eiszeit ==Militärputsch
Die turbulente Zeit der Siebzigerjahre, charakterisiert durch Gewalteskalationen, ideologisch motivierte Ausschreitungen und eine frappante Inflation, mündete schliesslich in dem September 1980 in einen Putsch. Die Regierung von Süleyman Demirel (1979-1980) hatte aussenpolitisch die enge Bindung an den Westen beibehalten, war aber in der Innen- und Wirtschaftspolitik gescheitert. Da sich die Situation nicht geändert hatte, hatten Extremisten rechter und linker Gruppen zusätzlich Terrorakte verübt.
General Kenan Evren errichtete daraufhin eine Militärjunta, verhängte am 16. Oktober 1981 ein Parteienverbot und entzog den Politischen Akteuren die Rechte. Unter anderen wurde Necmettin Erbakan verhaftet und verbannt, und ihm wurde für zehn Jahre die Bekleidung politischer Ämter verboten.Einstieg in das Berufsleben
Im gleichen Jahr des Militärputsches legte Erdoğan das universitäre Diplom ab. Noch bevor ihn der Spitzenclub Fenerbahçe engagieren wollte gab er den Fußball auf und erlangte eine Anstellung als Funktionär bei den Istanbuler Verkehrsbetrieben. Diese Beschäftigung soll er allerdings bald verloren haben, da er die Anweisung seines Vorgesetzten, einem ausgedienten Militäroberst, sich den Bart zu rasieren, nicht nachkam. Zu dieser Zeit symbolisierten (Schnurr-)Bärte eine gewisse konfessionelle Ideologie, verbunden mit einer oppositionellen Haltung gegenüber der neuen Militärordnung.
Wenig beeindruckt durch das unpolitische und unreligiöse Umfeld in seiner neuen Anstellung als mittlere Führungskraft bei einem privaten Unternehmen in der Lebensmittelbranche blieb Erdoğan ein ergebener Moslem. Er war überzeugt, dass die Türkei ihre islamischen Wurzeln wieder finden müsste und aufhören sollte, sich in dem Spiegel Europas und des Okzidents zu betrachten.==Die Wohlfahrtspartei (RP) ==Anfänge
Als am 19. Juli 1983 das Parteienverbot aufgehoben wurde, gründeten die Ex-Militanten der MSP auf der Ideenbasis von Necmettin Erbakan die Wohlfahrtspartei (RP, Refah Partisi). Erdoğan konnte seine islamisch-fundamentalistische politische Arbeit unter neuem Dach fortsetzen. In ihrem Programm forderte die RP die Einführung des islamischen Rechts (Scharia) und die Wiederherstellung einer islamischen Ordnung. Die Republikgründung wurde ebenso als historische Fehlleistung betrachtet wie das laizistische Staatsprinzip des Kemalismus. Eher sah sich die RP der Tradition des Osmanischen Reiches verpflichtet.
1984 wurde Erdoğan zu dem Chef der Sektion der RP für den Bezirk Beyoğlu ernannt, und ein Jahr später übernahm er die Parteiführung für die gesamte Provinz Istanbul. Von nun an konnte er sich als ausgezeichneter Organisator und Vordenker auszeichnen.
Nach der Aufhebung des 1981 verhängten Politikverbots über Necmettin Erbakan übernahm dieser 1987 den Vorsitz der islamisch-fundamentalistischen Wohlfahrtspartei (RP). Seit 1986 Mitglied des zentralen Exekutivkomitees der Partei trug Erdoğan einen wesentlichen Anteil zur Rehabilitierung Erbakans bei.
Bei den Parlamentswahlen vom 29. November 1987 erhielt die Wohlfahrtspartei 7.2 % der Stimmen und scheiterte somit an der Zehn-Prozent-Hürde. Erdoğans grosser persönlicher Wahlkampfeinsatz für die Partei vor den Parlamentswahlen 1989 steigerte seinen Bekanntheitsgrad beträchtlich. In dem Bündnis mit der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MCP, Milliyetçi çalisma Partisi) errang die RP nun 16.7 % der Stimmen, blieb aber in der Opposition.
Am 20. Oktober 1991 wurde die Partei mit 16,9 % Wählerstimmen viertstärkste Kraft und hielt mit vierzig Abgeordneten erstmals Einzug in die Grosse Nationalversammlung.Bürgermeister von Istanbul
Am 27. März 1994 beteiligte sich Erdoğan an den Kommunalwahlen und konnte sich gegen seine Rivalen aus der Sozialdemokratischen Partei (SHP, Sosyal Demokrasi Halkçi Partisi), gegen die konservative Partei des Rechten Weges (DYP, Dogru Yol Partisi) und gegen die gemässigt rechtskonservativ-nationalistische Mutterlandspartei (ANAP, Anavatan Partisi) durchsetzen. Für den Islamismus bedeutete dies ein triumphaler Sieg, für die weltlichen Parteien hingegen Konsternation und Besorgnis, zumal die RP auch in anderen Städten grosse Sympathien ernten konnte, unter anderem in Ankara.
In seinen vier Jahren als Bürgermeister von Istanbul erlangte Erdoğan eine erhöhte Popularität. Bereits bei seinem Amtsantritt präsentierte er seine islamisch geprägte Version von einer sauberen und anständigen Bosporus-Metropole, in der von nun an unter anderem Bordelle verboten, eigene Badestrände für Frauen eingerichtet, und „auf vielfachen Wunsch“ getrennte Schulbusse für Jungen und Mädchen eingeführt würden.
Durch die strukturierte Amtsführung und die Effizienz, mit der er die regionalpolitischen Angelegenheiten anging, gewann Erdoğan auch bei seinen politischen Gegnern Respekt. Während seiner Amtszeit verschwanden beispielsweise die früher für Istanbul typischen Müllhaufen in den Strassen. Die notorischen Probleme mit der Wasserversorgung wurden behoben, sowie, in mühevoller Kleinarbeit, zusätzliche Grünanlagen geschaffen.
Dispute um verschiedene Massnahmen machten schnell spürbar, dass die RP ein religiös geprägtes, von Koran inspiriertes Parteiprogramm hatte. Obwohl Erdoğan ein Repräsentant des gemässigten Flügels der Partei war, war ein kompletter Umsturz der bisherigen Lebensweise in der „westlichsten“ und kosmopolitischsten Stadt des Landes, zumindest mit zehn Millionen Einwohnern bevölkert, unvorstellbar.Aufstieg und Niedergang der RP
Der Wählerzulauf zugunsten der RP führte die Partei bei den Parlamentswahlen vom 24. Dezember 1995 auf einen Höhepunkt. Mit 21.3 % der Stimmen und 158 Mandaten ging sie sogar als stärkste Fraktion hervor. Necmettin Erbakan erkannte die Gelegenheit zur Bildung einer islamistischen Regierung, erstmals seit der Gründung der Republik durch Kemal Atatürk 1923, scheiterte jedoch an der Weigerung der grossen, nicht religiösen Parteien, mit der RP zusammenzuarbeiten. Die daraufhin von der Mutterlandpartei (ANAP) unter Mesut Yılmaz und der Partei des Rechten Weges (DYP) unter Tansu Çiller gebildete konservative Regierungskoalition zerbrach bereits in dem Mai 1996 wieder.
Am 7. Juni erhielt Erbakan von Staatspräsident Demirel erneut den Auftrag zur Regierungsbildung, und am 28. Juni vereinbarte er eine Koalition mit der DYP. Erbakan übernahm das Amt des Ministerpräsidenten, die proeuropäische Tansu Çiller wurde stellvertretende Ministerpräsidentin und Aussenministerin.
Entgegen seinen bisher vertretenen, streng islamischen Positionen bekannte sich Erbakan als Ministerpräsident zur Westbindung der Türkei und zur Beibehaltung der laizistischen Verfassung in der Türkei. Trotz diesen Bekenntnissen führte Erbakan aber weiter eine proarabische und proislamische Aussenpolitik, mit eingeschlossen offizielle Besuche und wirtschaftliche Verträge, unter anderem mit dem Iran und Libyen.
Durch diese zweischneidige Politik gelang Erbakan schnell nicht ca. parteiinternen unter Druck. Am 18. Juni 1997 trat er, dessen Koalition unterdessen die Mehrheit in dem Parlament verloren hatte, zurück, um Tansu Çiller sein Amt zu überlassen. Staatspräsident Demirel beauftragte jedoch an Stelle von Tansu Çiller erneut Mesut Yilmaz mit der Regierungsbildung.==Die Tugendpartei (FP) ==Gründung
Der Druck auf die RP wuchs in den Folgemonaten enorm. In dem Januar 1998 verbot das türkische Verfassungsgericht die Wohlfahrtspartei (RP), trotz Verlusten stets noch stärkste Fraktion in dem Parlament, wegen „Aktivitäten zu dem Umsturz der weltlichen Verfassungsordnung“. Der Partei wurden Sympathien zu dem Jihad und die Debatte über die Einführung der SharÃa – in der Türkei absolut tabu – vorgeworfen. Der Parteiführer und frühere Ministerpräsident Necmettin Erbakan wurde mit einem fünfjährigen Verbot politischer Betätigung belegt. ErdoÄŸan erklärte seine Bereitschaft, den Vorsitz in einer Nachfolgepartei zu übernehmen.
Diese formierte sich in der in dem Dezember 1997 vorsorglich unter maßgeblicher Beteiligung Erdoğans gegründeten Tugendpartei (FP, Fazilet Partisi), in die fast alle Abgeordneten der bisherigen Wohlfahrtspartei übertraten.
„In neuem Gewande präsentierten sich die Islamisten in dem Mai 1998 mit einer Massenveranstaltung als politische Kraft, die – in deutlicher Abkehr von der Rhetorik der Wohlfahrtspartei unter Erbakan – für ‚Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte’ kämpfe und es mit der Verwirklichung einer Demokratie mit gleichen Rechten und Freiheiten wie in den westlichen Ländern ernst meine.“
Dennoch wurde auch diese neue Partei, wie schon ihre Vorgängerinnen, vom laizistisch ausgerichteten, mächtigen Militär, das seit jeher den politischen Islam in der Türkei zu unterdrücken suchte, mit Misstrauen verfolgt.
Erdoğan wurde nicht zu dem Parteipräsidenten gewählt, obwohl dies allgemein angenommen wurde. Am 14. Mai 1998 sprach die Partei das Amt Recai Kutan zu, einem Veteranen der alten Fundamentalistengarde.Haftstrafe für Erdoğan
Für das laizistisch ausgerichtete Militär bedeutete Erdoğan eine besondere Herausforderung. Da er nicht ca. bei den klassischen Wählern der Islamisten Erfolg hatte, sondern in breiten Bevölkerungsschichten Zustimmung fand, wurde sein Aufstieg an die Schalthebel politischer Macht auch mit zweifelhaften juristischen Mitteln bekämpft. So wurde er in dem April 1998 von einem Staatssicherheitsgericht in der südanatolischen Metropole Diyarbakir zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Anlass war eine Rede Erdoğans, in der er den ansonsten allseits geachteten Dichter Ziya Gökalp, den Vater des türkischen Nationalismus, mit einigen Versen („Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Kuppeln unsere Helme, die Minarette unsere Schwerter“) zitiert hatte, in denen das Gericht Volksverhetzung als gegeben ansah. Verteidigung und Anklage hatten auf Freispruch plädiert. Erdoğan wurde mit einem lebenslangen Politikverbot belegt. Politische Beobachter sprachen von einem klaren Fall politischer Unrechtsjustiz, durch die eine wahrscheinliche Wahl Erdoğans in die Chefetage der FP verhindert werden sollte. Tausende demonstrierten in Istanbul gegen das Urteil.
Erdoğan versuchte seiner Haftstrafe mit allen Mitteln zu entkommen. Als dann aber das Berufungsgericht in Ankara den Urteilsspruch als letzte Instanz bestätigte, wurde er in die Strafanstalt Pinarhisar in Kirklarerli in dem Nordosten von Istanbul eingewiesen. Ca. die Haftdauer wurde auf 120 Tage reduziert. Während Erdoğan in dem Gefängnis sass, wurde er von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International berücksichtigt.
Amnesty International took up the case of Recep Tayyip Erdogan as a prisoner of conscience following his sentence in 1998 under Article 312/2 of the Turkish Penal Code for reciting a poem by Ziya Gokalp. Amnesty International members from around the world lobbied for his immediate and unconditional release and for abolition and reform of laws restricting freedom of expression in Turkey. Appeals from Amnesty International were addressed to the then President, Prime Minister, Ministers of Justice and Interior and to the President of the Turkish Parliament.
Am 24. Juli 1999 wurde Erdoğan aus der Haft entlassen. Obwohl er nicht mehr Bürgermeister von Istanbul und, in dem Prinzip, von allen öffentlichen und politischen Ämtern ausgeschlossen war, engagierte er sich für interne Arbeiten in der FP. Die Partei war in den Wahlen vom 18. April hinter die Partei der Demokratischen Linken (DSP, Demokratik Sol Partisi) von Bülent Ecevit und die rechtsextremistische Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP, Milliyetçi Hareket Partisi) von Devlet Bahçeli zurückgefallen.
Unter diesen Umständen konnte seinem Ruf als politischer Hoffnungsträger weder Haft noch Politikverbot etwas anhaben, denn die Haftstrafe hatte nicht eine Schwächung der isamistischen Bewegung durch die Beraubung einer Führungsfigur, sondern exakt das Gegenteil, nämlich einen noch grösseren Rückhalt Erdoğans in der Bevölkerung, bewirkt.Politischer Kurswechsel
Erdoğan selbst demonstrierte nach seiner Haftentlassung ein gesteigertes Mass an Toleranz und Liberalität.
Er distanzierte sich vom Begriff des ‚politischen Islam’, lobte den in der Verfassung verankerten Laizismus, die Trennung von Religion und Staat. ‚Der Islam ist eine Sache von Anstand und Moral und letztlich meine persönliche Angelegenheit’, sagte er. ‚Politik hingegen bedeutet, dass man Dinge in dem Sinne der Wähler erledigen muss.’
Damit gewann er an Akzeptanz auch bei Wählerschichten, die ihn wegen seiner Erfolge als Bürgermeister als Person schätzten, den Islamisten aber ablehnend gegenüberstanden.
Dies führte zu wachsender Distanz zur Führungsriege der Tugendpartei (FP), die zunächst eher taktisch motiviert schien und nun inhaltlich begründet wurde. Erdoğan stand in engem Kontakt zu den jungen Reformern dieser Partei. Vom Spiel mit Erbakan, mit dem er lange Zeit auf gleicher Schiene gefahren war, hielt er sich zusehends fern. Allmählich zeichnete sich eine Zweiteilung der Partei ab, in der Erbakan und Kutan am bisherigen radikalen Kurs festhielten und sich die Reformer unter Abdullah Gül formierten. Als am Parteitag vom 14. Mai 2 Tausend die Fortführung des bisherigen Kurses beschlossen wurde, schloss sich Erdoğan der Gruppe von Gül an.
Die interne Spaltung der Partei war nicht religiös begründet, sondern rein (sozial)politisch. Erdoğan und seine Kollegen offerierten wenig rhetorisches Geplänkel, überzeugten aber mit Aspekten wie der Stärkung der demokratischen Werte und der Achtung der Menschenrechte.==Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) ==Rückkehr in die aktive Politik
Durch die rechtlichen Massnahmen, die die Staatsanwaltschaft zu dem Verbot der FP in Erwägung zog, spitzte sich die Situation für Erdoğan und Gül zu. Am 22. Juni 2001 wurde die Tugendpartei aus den gleichen Gründen wie schon ihre Vorgängerin verboten. Knapp ein Monat danach, am 19. Juli, hob ein Gericht das 1998 über Erdoğan verhängte Politikverbot auf. Somit war der Weg geebnet, eine eigene politische Bewegung anzuführen.
Am 20. Juli 2001 gründeten die Traditionalisten der FP um den ehemaligen Parteivorsitzenden Recai Kutan die Glückseligkeitspartei (SP, Saadet Partisi). Erdoğan selbst folgte am 14. August mit der Gründung der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP, Adalet ve Kalkinma Partisi). Sie sollte vor allem ein konservatives Sammelbecken demokratischer Muslime werden. Zu dem Vorsitzenden wurde Erdoğan gewählt, Gül wurde sein Vize. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten rund fünfzig ehemalige Abgeordnete der Tugendpartei, die in dem Juni 2001 wie erwartet vom Verfassungsgericht verboten worden war. Fast genauso viele schlossen sich der Partei der Glückseligkeit an, die die Nachfolge der Tugendpartei antrat.
Der Wiederaufstieg Erdoğans auf die politische Bühne wurde enthusiastisch aufgenommen. In der Zeit einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise, die tausende Arbeitsplätze bedrohte und zur Verarmung von Millionen von Türken führte, war dies eng mit grossen Erwartungen verknüpft. Die Medien und die Politiker waren überzeugt, dass der charismatische Altbürgermeister von Istanbul eher früher als später zu dem Ministerpräsident gewählt werden würde.
Bei den politischen Gegnern, vor allem beim amtierenden Premier Ecevit, löste der Anklang der AKP Beunruhigung aus. Sie befürchteten bei einem Erfolg der Partei an den kommenden Wahlen eine Ära der politischen Instabilität. Die Anpassung der türkischen Gesetze an die Normen der Europäischen Union und die Option eines baldigen Eintritts würden gefährdet.
Bülent Ecevit war seit dem Frühjahr gesundheitlich kaum mehr in der Lage, sein Amt als Ministerpräsident auszufüllen, was die Handlungsfähigkeit der Regierung insgesamt erheblich beeinträchtigte. Einem Rücktritt oder der Vorverlegung der für das Frühjahr 2004 vorgesehenen regulären Wahlen, wie vom grössten Teil seiner Koalition gefordert, verweigerte er sich jedoch. Vorgezogene Wahlen lehnte er darum ab, weil er, wie angetönt, einen Wahlsieg der Islamisten und damit eine Abkehr vom Reformkurs, der die Türkei der Europäischen Union annähern sollte, befürchtete. Auf einer Sondersitzung am 31. Juli 2002 beschloss das Parlament schliesslich mit grosser Mehrheit und gegen den Widerstand Ecevits die Abhaltung vorgezogener Neuwahlen am 3. November 2002.Rückschlag
Bei den Wahlvorbereitungen unterstrich Erdoğan die Wichtigkeit der Türkischen Republik als sozialer, demokratischer und säkularer Staat. Er lehnte kategorisch ab, aus religiösen Werten einen Vorteil für die Politik zu ziehen. Das Wahlprogramm war dann auch Punkt für Punkt auf die Verfassung und die kemalistischen Prinzipien ausgerichtet, ebenso wurden die Menschenrechte, die Folter und die Todesstrafe thematisiert.
Im April 2002 beantragte die Generalstaatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen Erdoğan, mit der Begründung, Erdoğan habe in einer Rede zehn Jahre zuvor das Militär beleidigt – nach weit verbreiteter Auffassung ein neuerlicher Versuch, Erdoğan auszuschalten. Der Antrag wurde am Ende abgelehnt. Es folgten weitere Massnahmen gegen die AKP und Erdoğan. In dem September 2002 untersagte die staatliche Wahlbehörde unter Hinweis auf das Urteil von 1998 Erdoğan die Kandidatur bei den Parlamentswahlen in dem November.Erdrutschsieg der AKP
Nach Umfragen kam die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei vor den Wahlen auf zwanzig bis dreißig % und lag somit vor allen anderen Parteien. Die vorgezogene Parlamentswahl vom 3. November 2002 bedeutete eine Zäsur in der Geschichte der Türkei. Die schon zuvor hoch favorisierte AKP erzielte mit 10.8 Millionen Stimmen, das sind 34.4 Prozent, und mit 363 von 550 Sitzen einen Erdrutschsieg, bei dem alle bis anhin regierenden Politiker ausnahmslos abgewählt wurden. Dies bedeutete den grössten politischen Umschwung seit 1950, als die CHP (Cumhuriyet Halk Partisi) von Ismet Inönü, Nachfolger von Kemal Atatürk, durch die DP (Vorgängerin der AP und der DYP) hart geschlagen wurde.
Die SP von Kutan kam nicht über drei Prozent, lediglich die Republikanische Volkspartei (CHP) von Deniz Baykal konnte mit 19.4 % die Zehn-Prozent-Hürde überwinden. So kam praktisch ein Zweiparteiensystem zustande. Die AKP sah darin entscheidende Vorteile. Bislang hätten die Bürger den Preis für die wildesten Koalitionskombinationen zahlen müssen, da das politische Chaos alles lahm gelegt habe.AKP an der Regierung
Ein Tag nach der Wahl erklärte der niedergeschlagene Ecevit Staatspräsident Ahmed Necdet Sezer den Rücktritt. Dieser hiess ihn in dem Amt zu bleiben, bis ein Nachfolger aus den Reihen der AKP bestimmt sei. Da Erdoğan wegen des Verbots politischer Betätigung nicht hatte kandidieren können, bildete sein Vize, Abdullah Gül, am 19. November 2002 die neue Regierung. Erdoğan mischte von Anfang an kräftig mit und kündigte die beruhigende Botschaft an, die AKP sei sich schlüssig, den bisherigen Weg der Wirtschafts- und Handelsreformen weiterzugehen, das Lebensniveau der Bevölkerung zu steigern, weiter mit allen Mitteln gegen alle Formen der Korruption vorzugehen und die Annäherung an die EU zu beschleunigen.
Gegen gewaltigen Widerstand (unter anderem durch ein Veto des Präsidenten) hob das Parlament am 31. Dezember 2002 die entsprechendie Beschreibung über das Wählbarkeitshindernis auf, so dass Erdoğan am 9. März 2003 bei einer Nachwahl kandidieren durfte. Seit der Wahl vom 15. März 2002 bekleidet Recep Tayyip Erdoğan das Amt des Ministerpräsidenten. Gül ist sein Stellvertreter und Außenminister.== Quelle ==
http://www.cidob.org/bios/castellano/lideres/e-001.htm
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